Viele Männer würden gerne, aber nur wenige tun es: Teilzeit arbeiten. Doch nun kommt Bewegung in die Sache. Das Bewusstsein für die Vorteile der Teilzeitarbeit bei den Arbeitgebern wächst, und immer mehr Männer reduzieren ihr Pensum. Das kommt auch den Frauen zugute.

Der gesellschaftliche Trend ist klar: Viele Männer in der Schweiz möchten Teilzeit arbeiten. So zeigt die erste repräsentative Studie in der Schweiz aus dem Jahr 2011: Fast unglaublich anmutende neun von zehn befragten Männern wollen ihr Arbeitspensum reduzieren. Doch gerade mal einer von sechs Männern in der Schweiz arbeitet gemäss Bundesamt für Statistik (BFS) Teilzeit.

Neue Lebensprioritäten

Vielfach stimmen also Wollen und Tun bei den Männern nicht überein. Untersuchungen haben ergeben: Der Respekt davor, archaische Rollenmuster zu überwinden, ist das Haupthindernis auf dem Weg zur Teilzeit. Es gibt immer noch viele Männer mit der Vorstellung, Alleinernährer einer Familie sein zu müssen. Auch die Angst vor Macht- und Statusverlust hält viele von einem Teilzeitjob ab. Gleichzeitig haben viele Männer Bedenken, dass sie sich einen kleineren Lohn nicht leisten können. Zudem haben sie Angst, dass sich eine Reduzierung des Arbeitspensums negativ auf die Karriere auswirkt und sie als unmotiviert gelten.

Beim Thema geht es auch um eine Wertediskussion. Männer sollten sich fragen: Was ist mir in meinem begrenzten Dasein wirklich wichtig und was macht Sinn für mich? Teilzeitarbeit ist ein Pfeiler der Suffizienz. Wenn man Teilzeit arbeitet, steht in der Regel zwar weniger Geld zur Verfügung. Doch im Gegenzug wird die Ressource Zeit in unserer beschleunigten und dichter werdenden Welt immer wertvoller. Sie kann zum Beispiel für die eigenen Kinder genutzt werden. Vor allem von jungen Vätern ist oft zu hören, dass sie sich die Zeit für mehr Verantwortung in der Familienarbeit nehmen wollen. Sie wollen das Aufwachsen ihrer Kinder nicht verpassen. Sprich: Sie wollen es anders machen, als es ihre Väter in der Regel gemacht haben, welche oftmals gar nicht präsent waren für sie als Kinder.

Anderseits geht es aber auch um mehr Zeit für Erholung, persönliche Entfaltung und Beziehungen. Teilzeitmodelle können diesen neuen Lebensprioritäten entsprechen. Vor allem jüngere Generationen scheinen nicht mehr bereit, wie die Vorgängergenerationen ihr Privatleben dem beruflichen Erfolg komplett unterzuordnen. Das Umdenken hat begonnen. Und: Je mehr Männer – auch mit Führungsverantwortung – Teilzeit arbeiten, desto mehr werden auch viele gut qualifizierte Frauen dies tun können, zum Beispiel nach einer Mutterschaft.

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Teilzeit lohnt sich für alle Beteiligten

Teilzeitarbeit steigert nicht nur die Lebensqualität des einzelnen Mannes und der einzelnen Frau. Untersuchungen kommen zum Schluss, dass dieses Arbeitsmodell auch Arbeitgebern zugutekommt. Das deutsche Kompetenzzentrum Work-Life GmbH weist für vereinbarkeitsfreundliche Unternehmen unter anderem folgende Ergebnisse aus: 16 Prozent geringere Fehlzeitenquote unter anderem wegen Krankheit, 15 Prozent geringere Fluktuation und 17 Prozent höhere Produktivität der Mitarbeitenden.

Zudem haben Arbeitgeber, die Teilzeitstellen anbieten, die besseren Karten bei Demografie und Fachkräftemangel. Sprich sie können gut qualifizierte Arbeitskräfte besser rekrutieren und danach länger halten.

Neben vielen Vorteilen birgt Teilzeitarbeit für Arbeitgeber aber auch Nachteile. So steigen die Lohnnebenkosten und der administrative Aufwand, zudem ist mehr Koordination unter den Mitarbeitenden nötig. Dennoch: Zwei Schweizer Studien zeigen, dass Arbeitgeber mit Teilzeitmitarbeitenden von einer bemerkenswerten Rendite von 8 Prozent ausgehen können. Teilzeit ist also betriebswirtschaftlich rentabel.

Vorteile der Teilzeitarbeit auch für Arbeitgeber

Grundsätzlich können Arbeitgeber von etlichen Vorteilen von Teilzeit ausgehen:

  • Die demografische Entwicklung zeigt, dass immer weniger junge Menschen auf den Arbeitsmarkt kommen. In diversen Branchen besteht ein Fachkräftemangel. Bieten Unternehmen Teilzeit an, bereiten sie sich proaktiv auf die Zukunft vor.
  • Teilzeitangebote werden ein immer wichtigeres Kriterium, wenn es darum geht, besonders umworbenes Personal zu rekrutieren und auch zu halten.
  • Je mehr ein Mitarbeiter Respekt und Wertschätzung des Unternehmens in Form von Teilzeit erfährt – falls er das wünscht –, desto grösser sind Einsatz und Leistungsbereitschaft.
  • Teilzeitarbeitende mit Erfahrung im Familienmanagement bringen Fähigkeiten mit, die auch der Firma nützen: Belastbarkeit, Flexibilität, Organisationsgeschick, Kommunikationsfähigkeit und pragmatische Konfliktbewältigung.
  • Zufriedene Mitarbeiter stellen ihr Unternehmen in ihrem Umfeld positiv dar.
  • Diese Öffentlichkeitsarbeit schlägt sich auch in der Nachfrage nach Dienstleistungen und Produkten nieder.
  • Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten sind für die Betriebe personengebundene Ressourcen wie Loyalität, Kreativität oder Innovationsfähigkeit ihrer Mitarbeitenden wichtig.
  • Ein allfälliger Stellenabbau kann durch zeitweilige Teilzeitregelungen vermieden oder abgefedert werden.

«Der Teilzeitmann» als ein Pionierprojekt

Unter anderem diese Vorteile führte eine Handvoll Männer dazu, die Kampagne «Der Teilzeitmann» ins Leben zu rufen. Sie startete vor zweieinhalb Jahren und will die Vorteile von Teilzeit nutzbar machen. Inzwischen hat sie gegen 100 Unternehmen, Verwaltungen, Verbände und Hochschulen vor allem in der Deutschschweiz besucht. Auch werden individuelle Beratungen zur Gestaltung von flexiblen Arbeitszeitmodellen im Unternehmen sowie Workshops angeboten. Die Kampagne wurde bis Ende letzten Jahres vom Bund finanziert. Sie richtet sich sowohl an die Männer als auch an deren Arbeitgeber. An einer Mittagsveranstaltung erfahren die Mitarbeiter mehr über das Thema. Sie sehen ein Video, wo verschiedene Fachleute zu Wort kommen. Zur Veranstaltung gehört eine Diskussionsrunde mit den anwesenden Männern.

Dreh- und Angelpunkt des «Teilzeitmanns» ist die Internetplattform www.teilzeitkarriere.ch. Sie listet täglich rund 12‘000 Teilzeitstellen auf, die in der Schweiz online angeboten werden. Eingebettet in das Stellenportal ist die Website www.teilzeitmann.ch: Hier erfährt der Interessierte mehr über die Vorbildmänner und findet sowohl Fachartikel als auch ein Einmaleins zum Thema Teilzeit. Die Internetseiten des Projekts wurden innerhalb eines Jahres rund 900 000-mal aufgerufen. Ebenfalls gute Beachtung findet das Anliegen auf Social Media wie Facebook und Twitter.

Ihre zweieinhalbjährigen Erfahrungen haben zwei Teammitglieder gar zu in einem Buch mit dem Titel «Der Teilzeitmann – Flexibel zwischen Beruf und Familie» verarbeitet, welches nun der Verlag Zytglogge herausgegeben hat.

Interessierte Grossunternehmen

Seit der Lancierung des Projekts sind so Tausende von Männern direkt oder indirekt angesprochen worden. Zudem haben über 250 verschiedene Medien und Internetportale über das Thema Teilzeit und Männer berichtet, unter anderem SRF mehrmals in den Sendungen «Tagesschau», «10 vor 10», «Club» und «Aeschbacher». Kurz: Die Kampagne stösst also sowohl bei den einzelnen Männern und in der Bevölkerung als auch bei den Medien und Arbeitgebern auf Interesse.

Vor allem grössere Unternehmen haben die Vorteile erkannt und bei Teilzeitarbeit für Männer einen Weg eingeschlagen. Ein starkes Thema ist es vorab bei Banken und Versicherungen, in der Pharma-Branche und im kaufmännischen Bereich. Auf wenig Resonanz stösst es hingegen in der Baubranche, in der Industrie und generell bei Handwerkern und Facharbeitern.

Ein Thema für die Dienstleistungsgesellschaft

Teilzeit ist vorab ein Thema für die Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft. Vor allem die junge Generation Y hat neue Ansprüche an ihren zukünftigen Arbeitsplatz und nutzt das beste Angebot. Teilzeit ist aber nicht nur für Nachwuchskräfte attraktiv und wird von ihnen auch immer öfter nachgefragt, sondern sie wird auch für die Mitglieder der Generation 50+ gewichtiger: Sie sehen sich mit einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit konfrontiert und machen sich daher Gedanken über andere Lebens- und Arbeitszeitmodelle.

Der Zeitgeist schlägt sich auch in der Statistik nieder. Wie aktuelle BFS-Zahlen zeigen, arbeiten in der Schweiz rund 401 000 oder 16,5 Prozent der Männer Teilzeit. Gegenüber Ende 2012 bedeutet das ein Plus von 2,7 Prozentpunkten oder 69 000 Männern! Diese Steigerung ist nicht nur auf Freiwilligkeit zurückzuführen. Unter den insgesamt 1,656 Millionen teilzeitarbeitenden Frauen und Männern befinden sich laut BFS 307 000 Unterbeschäftigte, welche mehr arbeiten möchten. Dennoch dürften sehr viele Männer aus eigenem Wunsch in die Teilzeit eingestiegen sein. Teilzeitarbeit ist also drauf und dran, zur gesellschaftlichen Normalität zu werden. Voraussetzung dafür jedoch ist, dass sich die Wirtschaftslage nicht verschlechtert.

 

Von Jürg Wiler, Co-Leiter der Kampagne „Der Teilzeitmann“

 

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